Bernd Dankowski, Präsident von German Cycling, spricht über die Bedeutung großer Profirennen für den Radsport, die Vorzüge des Radfahrens für Menschen jeden Alters und seine Erwartungen an die Ausrichtung Olympischer Spiele in Deutschland. Das Interview entstand in Kooperation mit dem DOSB / Björn Jensen.

Aktuell läuft die Tour de France, das bekannteste Radrennen der Welt. Welche Strahlkraft hat dieses Event auch für den deutschen Radsport?
Die Tour de France begeistert seit ihrer ersten Austragung Millionen Menschen weltweit – im Fernsehen, aber vor allem direkt an der Strecke. Ein Radrennen hautnah zu erleben, ist etwas Besonderes und entfaltet eine enorme Strahlkraft. Das gilt umso mehr, wenn deutsche Fahrer erfolgreich sind.
Für uns als Verband ist die Tour deshalb enorm wichtig. Sie macht Lust aufs Radfahren, schafft Identifikationsfiguren und motiviert viele Menschen, selbst aktiv zu werden – sei es im Verein, bei einer Jedermannveranstaltung oder einfach in der Freizeit. Von dieser Aufmerksamkeit profitiert der gesamte Radsport in Deutschland.
Welche Auswirkungen haben Erfolge deutscher Sportler wie der von Florian Lipowitz im vergangenen Jahr oder auch von Jan Ullrich oder Erik Zabel auf die Mitgliederzahlen in deutschen Vereinen? Treten mehr Menschen in Radsportvereine ein, wenn die Topprofis erfolgreich sind?
Erfolge deutscher Fahrerinnen und Fahrer – aktuell etwa von Florian Lipowitz und Franziska Koch – schaffen Aufmerksamkeit und Begeisterung. Wie in vielen anderen Sportarten sind erfolgreiche Athletinnen und Athleten wichtige Identifikationsfiguren. Sie wecken Begeisterung für den Radsport und geben vielen Menschen den Anstoß, selbst aktiv zu werden.
Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einzelnen sportlichen Erfolgen und steigenden Mitgliederzahlen können wir allerdings nicht belastbar belegen. Dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle. Unabhängig davon entwickeln sich unsere Mitgliederzahlen erfreulich. Im vergangenen Jahr konnten wir die Zahl unserer Mitgliedschaften um gut zwei Prozent auf rund 153.500 steigern. Entscheidend ist, dass die Begeisterung vor Ort durch attraktive Vereinsangebote aufgegriffen wird.
Welche internationalen Veranstaltungen sind weitere Leuchttürme, und welchen Stellenwert haben die größten deutschen Rennen wie Lidl Deutschland Tour, ADAC Cyclassics oder Eschborn-Frankfurt für German Cycling?
Neben der Tour de France gehören der Giro d’Italia und die Vuelta zu den großen internationalen Leuchttürmen unseres Sports. National haben wir mit Eschborn-Frankfurt, Rund um Köln, den ADAC Cyclassics, dem Sparkassen Münsterland Giro und der Lidl Deutschland Tour herausragende Veranstaltungen.
Diese Veranstaltungen sind für German Cycling von großer Bedeutung. Sie machen die Faszination des Radsports erlebbar, bringen die Menschen mit ihren Idolen zusammen und motivieren viele, selbst aufs Rad zu steigen. Besonders wertvoll ist dabei die Verbindung von Spitzen- und Breitensport: Viele Veranstaltungen bieten neben den Profirennen auch Jedermann- und Nachwuchswettbewerbe und schaffen so einen direkten Zugang zum organisierten Radsport.
In der Pandemie war auch Radsport eine der Sportarten, die eher zu den Gewinnern zählte, weil es im Freien und mit Abstand möglich ist. Wie haben sich eure Mitgliederzahlen über die vergangenen zehn Jahre entwickelt, und was waren die wichtigsten Treiber dieser Entwicklung?
Unsere Mitgliederzahlen haben sich in den vergangenen zehn Jahren insgesamt positiv entwickelt. Aktuell zählt German Cycling rund 153.500 Mitgliedschaften – ein Plus von gut zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig ist die Begeisterung für den Radsport in dieser Zeit noch stärker gewachsen. Ein Grund dafür ist, dass gerade das Rennradfahren heute vielfach auch außerhalb klassischer Vereinsstrukturen stattfindet.
Zu den wichtigsten Treibern dieser Entwicklung zählen das gestiegene Gesundheitsbewusstsein, die Freude an Bewegung und die große Vielfalt unseres Sports. Radfahren lässt sich in jedem Alter, auf ganz unterschiedliche Weise und mit individueller Intensität ausüben. Unsere Aufgabe ist es, möglichst viele dieser Menschen langfristig für den organisierten Radsport und unsere Vereine zu gewinnen.
Im Laufen gibt es die Entwicklung, dass sich abseits von Vereinen private Running Clubs bilden. Wie ist die Lage dahingehend im Radsport, und wie geht ihr mit solch zusätzlicher Konkurrenz um?
Die Entwicklung im Radsport ist durchaus vergleichbar mit der im Laufsport. Immer mehr Communities organisieren sich außerhalb klassischer Vereinsstrukturen. Das sehen wir nicht als Konkurrenz, sondern freuen uns darüber, dass sich immer mehr Menschen für den Radsport begeistern.
Natürlich wünschen wir uns, dass möglichst viele von ihnen den Weg in unsere Vereine finden. Denn Vereine bieten weit mehr als gemeinsame Ausfahrten. Sie stehen für Gemeinschaft, qualifizierte Trainerinnen und Trainer, Nachwuchsförderung, Wettkampfmöglichkeiten und ehrenamtliches Engagement. Genau darin liegt ihre besondere Stärke.
Worin liegt die Faszination Radsport begründet, und wie gelingt es euch, die vielen Millionen Menschen, die als Hobby oder auch nur für den Arbeitsweg das Fahrrad nutzen, vermehrt auch in die Vereine zu locken?
Die Faszination des Radsports beginnt für viele Menschen schon in der Kindheit. Fast jeder verbindet mit dem Fahrrad die ersten Erfahrungen von Mobilität, Freiheit und Selbstständigkeit. Oft entstehen dabei ganz nebenbei die ersten kleinen Wettkämpfe mit Freunden. Diese Begeisterung kann ein Leben lang erhalten bleiben. Manche genießen einfach das Radfahren, andere entdecken den sportlichen Ehrgeiz und möchten sich im Wettkampf messen. Genau diese Vielfalt macht unseren Sport so besonders.
Unsere Aufgabe ist es, Menschen dort abzuholen, wo sie den Radsport für sich entdecken. Deshalb möchten wir den Einstieg in den organisierten Radsport so einfach wie möglich gestalten. Wer Gemeinschaft sucht, sich sportlich weiterentwickeln oder einfach gemeinsam Rad fahren möchte, findet dafür in unseren Vereinen die besten Voraussetzungen.
Welche Auswirkungen hat das Grundsatzthema Klimaschutz auf den Radsport im Speziellen? In welcher Ausprägung hilft es, dass viele Städte zumindest versuchen, dem Fahrrad mehr Bedeutung einzuräumen und Radwegnetze zu verbessern?
Für German Cycling ist es ein großer Vorteil, dass wir mit dem Radsport eine der nachhaltigsten und klimafreundlichsten Sportarten vertreten. Im Zuge der Mobilitätswende gewinnt das Fahrrad sowohl im Alltag als auch in der Freizeit weiter an Bedeutung.
Wenn Städte ihre Radinfrastruktur verbessern und sichere Radwegenetze schaffen, profitieren davon nicht nur Alltagsradfahrende, sondern auch der organisierte Radsport. Sichere Wege erleichtern den Weg zum Verein, schaffen bessere Trainingsbedingungen und machen das Radfahren insgesamt attraktiver. Diese Entwicklung kommt dem Radsport insgesamt zugute.
Warum sind Frauen als Radfahrerinnen im Alltag präsenter, aber bei Wettkämpfen im Radsport deutlich weniger präsent als Männer? Oder lässt sich dieser Eindruck an konkreten Zahlen gar nicht festmachen?
Der Eindruck trifft grundsätzlich zu. Der organisierte Radsport war über viele Jahre überwiegend männlich geprägt. Gleichzeitig sehen wir eine positive Entwicklung: Immer mehr Frauen und Mädchen finden den Weg in unseren Sport, und die Starterfelder im Frauenradsport wachsen. Dazu trägt auch die stärkere Sichtbarkeit erfolgreicher Athletinnen in den vergangenen Jahren bei.
Unser Ziel ist es, diese Entwicklung weiter zu fördern und noch mehr Mädchen und Frauen für den organisierten Radsport zu begeistern. Dafür braucht es attraktive Vereinsangebote, gute Rahmenbedingungen und starke Vorbilder.
Auf welchen Ebenen kooperiert German Cycling mit dem ADFC, wie ist das generelle Verhältnis untereinander und welche Möglichkeiten siehst du, das auszubauen?
Das Verhältnis zwischen dem ADFC und German Cycling ist gut. Beide Verbände verfolgen ein gemeinsames Ziel: möglichst viele Menschen für das Fahrrad zu begeistern – wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Während der ADFC vor allem den Alltagsradverkehr vertritt, steht bei German Cycling der organisierte Radsport im Mittelpunkt.
Es gibt klare Unterschiede in unseren Aufgaben, aber auch gemeinsame Interessen. Deshalb haben bereits erste Gespräche stattgefunden, um Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit auszuloten. Denkbar sind beispielsweise Kooperationen im Bereich Radtourismus oder bei Themen, die das Radfahren insgesamt fördern.
Radsport wird gern zur Gesunderhaltung und auch in der Rekonvaleszenz nach Verletzungen insbesondere der Gelenke empfohlen. Im Alter haben viele dagegen oft Sorge, koordinativ und in puncto Gleichgewichtssinn nicht mehr unfallfrei Radfahren zu können. Wie ist dein Blick auf diese Thematik?
Radsport gehört zu den gesündesten Sportarten überhaupt. Er stärkt das Herz-Kreislauf-System, fördert die allgemeine Fitness und lässt sich bis ins hohe Alter ausüben. Gleichzeitig ist er vergleichsweise gelenkschonend und kann deshalb auch nach bestimmten Verletzungen eine gute Möglichkeit sein, wieder in Bewegung zu kommen – natürlich immer in Abstimmung mit den behandelnden Fachleuten.
Mit zunehmendem Alter verändern sich natürlich auch die Anforderungen an Koordination und Sicherheit. Wichtig ist, die eigenen Grenzen zu kennen und sich nicht zu überfordern. Ich finde aber, wir sollten den Blick nicht auf mögliche Risiken richten, sondern auf die vielen Chancen. Wer regelmäßig Rad fährt, bleibt länger aktiv, selbstständig und in Bewegung – und genau dazu möchten wir möglichst viele Menschen ermutigen.
Welche Bedeutung hat aus deiner Sicht die deutsche Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele, und welche Auswirkungen auf den Radsport erhofft ihr als Verband euch von dieser Bewerbung?
Die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele ist von großer Bedeutung für die Entwicklung des Sports in Deutschland. Davon kann auch der Radsport profitieren. Entscheidend ist für mich aber, dass der Sport bereits während des Bewerbungsprozesses erlebbar wird und nicht erst mit den Spielen selbst.
Unser Sport findet zu einem großen Teil im öffentlichen Raum statt. Deshalb sind wir auf geeignete Rahmenbedingungen und häufig auch auf behördliche Genehmigungen angewiesen. Wenn eine Olympiabewerbung dazu beiträgt, Sportveranstaltungen zu erleichtern, Infrastruktur weiterzuentwickeln und Menschen schon auf dem Weg zu den Spielen für den Sport zu begeistern, dann entstehen nachhaltige Impulse – weit über die Spiele hinaus.