Hohe Temperaturen gehören längst zum Trainings- und Wettkampfalltag im Radsport. Doch Hitze beeinflusst nicht nur das persönliche Belastungsempfinden, sondern auch zahlreiche physiologische Prozesse, die unmittelbaren Einfluss auf Leistung und Gesundheit haben. Wie können sich Sportlerinnen und Sportler optimal vorbereiten? Worauf sollten Vereine und Trainer achten? Welche Chancen bietet eine gezielte Hitzeanpassung? Und wie gelingt ein sicheres Training auch an heißen Tagen? Darüber sprechen wir mit Tim Böhme, Bundestrainer Bildung bei German Cycling und Leiter des German Cycling Trainer Clubs.

Der Sommer bringt viele heiße Trainingstage mit sich. Was verändert Hitze eigentlich im Körper einer Radfahrerin oder eines Radfahrers?
Hitze stellt für den Körper zunächst einmal einen zusätzlichen Belastungsfaktor dar. Während der Belastung muss der Organismus gleichzeitig die arbeitende Muskulatur mit Sauerstoff versorgen und überschüssige Wärme abführen.
Dafür wird vermehrt Blut in die Haut umgeleitet. Den Muskeln steht dadurch weniger Blut für die eigentliche Leistungsarbeit zur Verfügung, gleichzeitig steigt die Herzfrequenz – obwohl die Belastung oft unverändert bleibt. Viele kennen das: Die Wattwerte sind identisch, der Puls liegt aber deutlich höher und die Belastung fühlt sich schwerer an.
Hinzu kommen Flüssigkeits- und Elektrolytverluste durch das Schwitzen. Bereits eine leichte Dehydrierung kann Ausdauerleistung, Konzentration und Regeneration beeinträchtigen.
Wichtig ist zu wissen: Unter starker Hitze kann die Leistungsfähigkeit um etwa zehn Prozent sinken. Wer bei 35 Grad nicht dieselben Werte erreicht wie bei 18 Grad, ist deshalb nicht automatisch schlechter trainiert – häufig handelt es sich um eine normale physiologische Reaktion.
Die gute Nachricht: Der Körper ist erstaunlich anpassungsfähig. Bereits nach sieben bis zehn Tagen beginnen relevante Anpassungsprozesse. Die Schweißreaktion verbessert sich, das Herz-Kreislauf-System arbeitet effizienter und der Körper kann Wärme besser abgeben.
Sollte man das Training bei hohen Temperaturen anpassen oder lieber pausieren? Worauf kommt es an?
Grundsätzlich spricht nichts dagegen, auch bei sommerlichen Temperaturen zu trainieren. Entscheidend ist jedoch eine angepasste Belastungssteuerung.
Ein häufiger Fehler besteht darin, die gewohnten Trainingsvorgaben unabhängig von den äußeren Bedingungen durchsetzen zu wollen. Hitze ist jedoch ein eigenständiger Belastungsfaktor und sollte bei der Trainingsplanung ähnlich berücksichtigt werden wie Höhe, Wind oder das Streckenprofil.
Intensive Intervalle oder wettkampfspezifische Einheiten gehören möglichst in die frühen Morgen- oder Abendstunden. In den heißen Nachmittagsstunden eignen sich eher lockere Grundlageneinheiten.
Trainerinnen und Trainern empfehle ich, an solchen Tagen weniger starr auf Leistungswerte zu schauen und stattdessen Herzfrequenz, subjektives Belastungsempfinden und das allgemeine Wohlbefinden stärker einzubeziehen.
Gerade vor Wettkämpfen in warmen Regionen lohnt es sich außerdem, etwa zehn Tage für eine gezielte Hitzeanpassung einzuplanen.
Welche Rolle spielen Flüssigkeitszufuhr und Kühlung – und welche Fehler beobachtest du dabei am häufigsten?
Flüssigkeitszufuhr gehört zu den wichtigsten Stellschrauben im Hitzemanagement. Gleichzeitig sehe ich hier in der Praxis die meisten Fehler.
Viele beginnen ihre Ausfahrt bereits leicht dehydriert oder trinken erst dann, wenn ein starkes Durstgefühl auftritt. Dabei ist Durst bereits ein relativ spätes Warnsignal des Körpers.
Mein Rat lautet deshalb: Gut hydriert in die Einheit starten und regelmäßig trinken, bevor überhaupt Durst entsteht. Bei längeren Ausfahrten oder hohen Schweißverlusten sollten neben Wasser auch Elektrolyte aufgenommen werden.
Ebenso wichtig ist die Kühlung. Kalte Getränke, Wasser über Nacken und Unterarme, schattige Pausen oder Kühlmaßnahmen vor dem Start können die thermische Belastung deutlich reduzieren.
Oft wird viel über Aerodynamik oder Material diskutiert. Bei hohen Temperaturen bringt eine kluge Trink- und Kühlstrategie jedoch häufig mehr Leistungsgewinn als das letzte Watt am Fahrrad.
Immer häufiger hört man vom gezielten Hitzetraining. Was steckt dahinter und für wen ist diese Trainingsform geeignet?
Zunächst sollte man zwischen Hitzeanpassung und Hitzetraining zur Leistungsentwicklung unterscheiden.
Die klassische Hitzeanpassung bereitet Sportlerinnen und Sportler gezielt auf Wettkämpfe unter warmen Bedingungen vor. Der Körper verbessert dabei seine Temperaturregulation, die Schweißproduktion setzt früher ein, das Blutvolumen steigt und die Herz-Kreislauf-Belastung sinkt bei gleicher Leistung.
Darüber hinaus beschäftigt sich die Forschung zunehmend mit Hitzetraining als eigenständigem Trainingsreiz. Es gibt Hinweise darauf, dass kontrollierte Hitzebelastungen Anpassungsprozesse auslösen können, die teilweise an Mechanismen des Höhentrainings erinnern. Diskutiert werden unter anderem eine verbesserte Sauerstofftransportkapazität des Blutes, eine höhere VO₂max und eine effizientere Thermoregulation.
Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse sollten wir das Thema differenziert betrachten. Hitzetraining ersetzt kein Grundlagentraining und ist keine Abkürzung zu mehr Leistung. Aus meiner Sicht gehört diese Methode vor allem in den professionellen Leistungs- und Spitzensport.
Besonders wichtig ist dabei eine sorgfältige Überwachung der Belastung. Neben Wattwerten und Herzfrequenz sollte auch die Körperkerntemperatur berücksichtigt werden. Ziel ist es, einen wirksamen Anpassungsreiz zu setzen, ohne den Athleten in einen kritischen Bereich zu bringen. Moderne Core-Sensoren bieten hierfür inzwischen praktikable Möglichkeiten.
Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, findet im German Cycling Trainer Club einen ausführlichen Fachbeitrag unserer 2025 ausgebildeten DOSB-A-Trainer zum Hitzetraining in der Praxis.
Was empfiehlst du Vereinen sowie Trainerinnen und Trainern, wenn Training oder Wettkämpfe bei hohen Temperaturen stattfinden?
Die wichtigste Aufgabe besteht darin, die Bedingungen realistisch einzuschätzen und die Belastung entsprechend anzupassen.
Dazu gehören angepasste Trainingszeiten, zusätzliche Trinkpausen, ausreichend Schattenmöglichkeiten und eine offene Kommunikation mit den Sportlerinnen und Sportlern. Gerade im Gruppentraining sollten Trainer aufmerksam beobachten, wie einzelne Athletinnen und Athleten auf die Hitze reagieren.
Nicht jeder Mensch besitzt die gleiche Hitzeresistenz. Schlafmangel, Stress, Erkrankungen oder eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr können die Belastbarkeit zusätzlich reduzieren.
Gelten für Kinder und Jugendliche andere Regeln als für Erwachsene?
Ja, hier sollten wir besonders sensibel sein.
Kinder und Jugendliche verfügen noch nicht über dieselbe thermoregulatorische Leistungsfähigkeit wie Erwachsene. Gleichzeitig fällt es ihnen häufig schwerer, Warnsignale richtig einzuordnen oder rechtzeitig zu kommunizieren.
Für Trainer und Eltern bedeutet das: regelmäßige Trinkpausen aktiv einfordern, ausreichend Schatten bereitstellen und die Belastung konsequent an die Bedingungen anpassen. Leistungsgedanken sollten an sehr heißen Tagen grundsätzlich hinter der Gesundheit zurückstehen.
Wann wird Hitze gefährlich? Welche Warnsignale sollten Sportler kennen und ernst nehmen?
Warnsignale gibt es einige – und sie sollten niemals ignoriert werden.
Dazu gehören Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Muskelkrämpfe, ungewöhnlich hohe Herzfrequenzen, Koordinationsprobleme oder ein plötzlich starker Leistungsabfall.
Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn Verwirrtheit, Orientierungsprobleme oder Gleichgewichtsstörungen auftreten. In solchen Fällen muss die Belastung sofort beendet und gegebenenfalls medizinische Hilfe hinzugezogen werden.
Mein Leitsatz lautet: Lieber eine Trainingseinheit zu früh abbrechen als eine zu viel absolvieren.
Wenn du allen Radfahrerinnen und Radfahrern drei Tipps für heiße Sommertage mitgeben dürftest – welche wären das?
Erstens:
Plane dein Training intelligent. Nutze möglichst die kühlen Morgen- oder Abendstunden und passe die Belastung den Temperaturen an.
Zweitens:
Kühlung und Flüssigkeitszufuhr gehören zur Trainingsstrategie – nicht nur zur Verpflegung. Wer ausreichend trinkt und aktiv kühlt, fährt leistungsfähiger und sicherer.
Drittens:
Respektiere die Hitze, aber habe keine Angst vor ihr. Der Körper kann sich innerhalb weniger Tage anpassen. Wer diese Anpassungsprozesse bewusst unterstützt und gleichzeitig auf Warnsignale achtet, wird langfristig besser mit hohen Temperaturen zurechtkommen.