Lysann Schmeiser, im Dachverband German Cycling Projektleiterin der MINI & MIDI BIKER, spricht über die Bedeutung von Bewegung insbesondere für junge Menschen und die Auswirkungen des Nachwuchskonzepts, das seit Anfang 2023 große Resonanz erfährt. Das Interview wurde geführt von Sandra Schmitz, Pressesprecherin German Cycling.

Vom Laufrad bis zur selbstbewussten Mobilität – wie aus einer Idee ein bundesweites Bewegungsangebot wurde
Lysann, wenn man heute auf die MINI BIKER und inzwischen auch auf die MIDI BIKER blickt, wirkt alles wie ein durchdachtes Gesamt-Nachwuchs-Konzept. Wie hat im Grunde alles angefangen?
Lysann Schmeiser: Tatsächlich begann alles mit einer einfachen, aber wichtigen Beobachtung: Kinder bewegen sich immer weniger. Gleichzeitig fehlen vielen Kindern grundlegende motorische Erfahrungen, die früher selbstverständlich waren. Für uns war klar: Als Radsport-Dachverband möchten wir einen Beitrag leisten, um Kinder wieder stärker für Bewegung zu begeistern.
Auf der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) Strukturtagung hatten Rudolf Scharping (damals Präsident des BDR) und Marco Rossmann (Jugendsekretär von German Cycling und stellvertretender Generalsekretär) die Idee, dass wir – vergleichbar mit Bambini-Fußball oder Kleinkindturnen – ein bundesweites Bewegungsangebot auf Rädern schaffen müssen. Der Ansatz sollte bewusst niedrigschwellig sein: ohne Leistungsdruck, aber mit ganz viel Freude an Bewegung. So entstand Anfang 2023 – inspiriert von den Mini Bikern des RSV Seeheim und den Rad-Raketen des RSV Mainz-Ebersheim – die Idee der MINI BIKER.
Unser Ziel war es, Kindern zwischen zwei und sechs Jahren spielerisch Bewegungserfahrungen auf zwei, drei oder vier Rädern zu ermöglichen. Dabei ging es von Anfang an um weit mehr als das Fahrradfahren. Es ging um Rollen, Gleichgewicht, Koordination, Selbstvertrauen, soziale Teilhabe und vor allem darum, allen Kindern positive Bewegungserlebnisse zu ermöglichen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Wohnort oder sozialem Hintergrund.
Deshalb entwickelten wir eine Materialbox mit Hütchen, Seilen, Markierungshauben, Stangen und einer altersgerechten Rampe. Vereine, Kitas und weitere Einrichtungen konnten sie kostenlos anfordern. Ergänzt wurde sie durch Parcoursmaterialien, Anleitungen und pädagogische Hilfestellungen, die eine altersgerechte und spielerische Förderung der Bewegungskompetenz ermöglichten und eine unmittelbare Umsetzung der Angebote unterstützten.
Wie wurde das Angebot angenommen?
Lysann Schmeiser: Die Resonanz hat selbst uns überrascht. Die Nachfrage war enorm. Bereits im ersten Projektjahr wurden 290 MINI-BIKER-Boxen deutschlandweit in alle 16 Bundesländer verschickt. Besonders erfreulich war, dass die Angebote sowohl von Vereinen als auch von Kitas aufgegriffen wurden.
Unsere Evaluation zeigte außerdem, dass wir knapp 6.000 Kinder erreicht haben, von denen 2.628 regelmäßig an den Bewegungsangeboten teilnahmen. Besonders wichtig war für uns, dass wir viele Kinder erreicht haben, die bislang wenig Berührung mit Sport und Vereinen hatten.
Was habt ihr aus der Evaluation gelernt?
Lysann Schmeiser: Die Ergebnisse haben uns bestätigt, dass dies der richtige Ansatz ist. Die Einrichtungen berichteten insbesondere von Verbesserungen bei:
- Gleichgewicht und Koordination
- motorischen Fähigkeiten
- Fahrsicherheit
- Selbstvertrauen
- Freude an Bewegung
- sozialem Miteinander
Außerdem wurde deutlich, dass Kinder besonders dann profitieren, wenn die Angebote regelmäßig stattfinden und pädagogisch begleitet werden. Diese Erkenntnisse waren zugleich der Ausgangspunkt für den nächsten Entwicklungsschritt.
Damit sind wir bereits im zweiten Projektjahr. Was hat sich dort verändert?
Lysann Schmeiser: Im zweiten Jahr lag unser Fokus auf Qualität und Nachhaltigkeit. Material allein reicht nicht aus – Menschen machen Projekte erfolgreich. Deshalb erweiterten wir das Konzept um Handbücher, Schulungsunterlagen, Kartenmaterialien sowie Fortbildungs- und Zertifikatsangebote für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Gleichzeitig wurden Themen wie Kinderschutz, pädagogische Grundlagen sowie mentale Gesundheit integriert. Dadurch konnten Ehrenamtliche, Trainerinnen und Trainer sowie pädagogische Fachkräfte die Angebote fachlich fundiert umsetzen und langfristig in ihren Einrichtungen verankern.
Wann entstand dann die Idee der MIDI BIKER?
Lysann Schmeiser: Eigentlich aus einer spannenden Erkenntnis heraus. Unsere Evaluation zeigte, dass fast ein Drittel der erreichten Kinder bereits älter als die ursprüngliche Zielgruppe war. Parallel wurde die bundesweite Förderkampagne „MOVE“ der Deutschen Sportjugend unter dem Motto „MOVE FOR ALL“ fortgeführt.
Genau daraus entstanden die MIDI BIKER. Wir wollten die Entwicklungsreise konsequent weiterdenken und Kindern wie Jugendlichen zwischen sieben und vierzehn Jahren passende Anschlussangebote bieten. Während bei den MINI BIKERN das spielerische Rollen und die Entwicklung grundlegender Bewegungsmuster im Vordergrund stehen, geht es bei den MIDI BIKERN stärker um Fahrtechnik, Selbstständigkeit, Mobilität, Verantwortung und Gemeinschaft.
Was unterscheidet die MIDI BIKER von klassischen Vereinsangeboten?
Lysann Schmeiser: Die MIDI BIKER verstehen sich bewusst nicht als Leistungsprogramm. Natürlich können Kinder später den Weg in den Radsport finden. Aber zunächst möchten wir selbstbewusste Kinder mit Freude an Bewegung fördern.
Dabei verbinden wir Bewegung, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. Kinder lernen Regeln, Rücksichtnahme, Fairness und Fair Play, Teamgeist und Verantwortung. Sie erleben Erfolgserlebnisse, stärken ihr Selbstvertrauen und entwickeln Kompetenzen, die weit über das Fahrradfahren hinausgehen.
Das Thema mentale Gesundheit spielt in euren Projekten eine zentrale Rolle. Warum?
Lysann Schmeiser: Weil Bewegung unglaublich viel bewirken kann. Kinder brauchen Räume, in denen sie aktiv sein dürfen, Herausforderungen meistern und Gemeinschaft erleben können.
Unsere Projekte fördern nicht nur die körperliche Entwicklung. Sie stärken nachweislich Selbstwirksamkeit, Konzentration, Lebensfreude und soziale Teilhabe. Kinder lernen: „Ich kann das. Ich kann etwas schaffen.“ Dies ist ein unendlich großer mentaler Schatz für Kinder und Jugendliche.
Mentale Gesundheit ist enorm wertvoll. Genau deshalb waren die MINI BIKER auch Teil der Kampagne „MOVE FOR HEALTH“ der Deutschen Sportjugend, gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).
Wenn du heute auf die vergangenen drei Jahre blickst, worauf bist du besonders stolz?
Lysann Schmeiser: Darauf, dass aus einer Idee im Jahr 2022 eine bundesweite Bewegung geworden ist. Wir haben gemeinsam mit Vereinen, Kitas, Kindereinrichtungen, Offenen Ganztagsbetreuungen, Horten, Ehrenamtlichen, der Wissenschaft und vielen engagierten Partnern etwas geschaffen, das Kinder und Jugendliche direkt erreicht.
Besonders stolz bin ich darauf, dass German Cycling wichtige Grundlagenarbeit in der Nachwuchsförderung leistet. Die wissenschaftliche Begleitung hat die positiven Effekte unserer Projekte sichtbar gemacht und bestärkt uns darin, diesen Weg konsequent weiterzugehen. Nun brauchen wir die Landesverbände und Vereine, um die Begeisterung der Kinder und Jugendlichen aufzugreifen und gemeinsam mit Kommunen, Schulen und Kitas dauerhaft zu fördern.
Apropos Zukunft, wo soll die Nachwuchsförderung von German Cycling in fünf Jahren stehen?
Lysann Schmeiser: Unsere Vision ist klar: Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag. Wir möchten eine durchgängige Förderung unseres Nachwuchses schaffen – von den MINI BIKERN über die MIDI BIKER bis hin zu den Bike Heros. Diese Angebote möchten wir deutschlandweit etablieren und langfristig in Vereinen, Kitas, Schulen und kommunalen Strukturen verankern.
Jedes Kind soll Zugang zu hochwertiger Bewegungsförderung erhalten – unabhängig davon, wo es aufwächst. Gleichzeitig wissen wir, dass nachhaltige Nachwuchsförderung nicht innerhalb weniger Jahre entsteht. Sie braucht Zeit, Kontinuität und verlässliche Strukturen. Die ersten drei Jahre haben bereits gezeigt, dass sich dieser Weg lohnt – mit messbaren Zuwächsen in den Vereinen und einer großen Begeisterung bei den Kindern. Wer Kinder früh für Bewegung gewinnt, schafft nicht nur die Grundlage für ein aktives Leben, sondern eröffnet auch Perspektiven für den Leistungssport.
Nachhaltige Nachwuchsförderung beginnt lange vor der Talentsichtung – dort, wo Kinder mit Freude ihre ersten Bewegungserfahrungen sammeln. Deshalb brauchen wir starke Partner in Vereinen, Kitas, Schulen und Kommunen, die unsere Angebote vor Ort mit Leben füllen.
Gleichzeitig freuen wir uns über Unternehmen, Stiftungen und weitere gesellschaftliche Partner, die diese Vision teilen und uns auf diesem Weg begleiten möchten.
Denn unsere Mission ist größer als ein Bewegungsprojekt:
- Wir möchten Kindern die Chance geben, sich wieder wirklich zu bewegen.
- Wir möchten mentale Gesundheit erlebbar machen.
- Wir möchten Motorik, Selbstvertrauen und Mobilitätskompetenz fördern.
- Wir möchten Gemeinschaftssinn, Fairness und Fair Play stärken.
Und wir möchten zeigen, dass Bewegung ein Schlüssel für eine gesunde Zukunft ist. Dafür braucht es Mut, neue Wege zu gehen.
Dein persönlicher Wunsch zum Abschluss?
Lysann Schmeiser: Dass wir aufhören, Bewegung als Nebensache zu betrachten.
Bewegung ist Bildung. Bewegung ist Gesundheit und Bewegung ist soziale Teilhabe.
Wenn wir Kindern und Jugendlichen heute gute Bewegungserfahrungen bereits in jüngsten Jahren ermöglichen, investieren wir in eine gesündere, selbstbewusstere und solidarischere Gesellschaft von morgen. Das sollte es uns wert sein.
Und genau dafür steht unser Nachwuchsförderkonzept mit unseren MINI BIKERN und MIDI BIKERN bis hin zu unseren Bike Heros Bronze, Silber und Gold.
Auf diesem Weg brauchen wir engagierte Menschen und starke Partner, die diese Vision mittragen.