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June 5, 2026

Im Gespräch: Lisa Brennauer „Der Stellenwert des Trainerberufs muss deutlich mehr respektiert werden“

Die ehemalige Weltklasse-Radsportlerin Lisa Brennauer (37), 2021 Olympiasiegerin in der Teamverfolgung, erläutert ihre Beweggründe dafür, die Laufbahn als Trainerin einzuschlagen, und wie es ihr gelingt, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Das Interview wurde bereitgestellt von Björn Jensen, DOSB.

Lisa Brennauer ©DOSB

Lisa, du hast als Berufssoldatin einen sicheren und bestimmt auch aufregenden Beruf. Was hat dich dennoch dazu bewogen, deine Trainerlizenz zu machen?


Lisa Brennauer: Die Jobsicherheit, die mir die Bundeswehr gibt, hat dazu beigetragen, dass ich mich dafür entschieden habe. Mich hat am Leistungssport früher das Schnelllebige, Unplanbare gestört. Als aktive Sportlerin habe ich mir immer vorstellen können, meine Erfahrungen und mein Wissen als Trainerin weiterzugeben. Aber die Unsicherheiten, die damit verbunden sind, haben mich doch eher abgeschreckt. Zu wissen, dass mich die Bundeswehr in meinen Plänen unterstützt und mir eine Sicherheit bietet, sollte es im Trainerjob nicht funktionieren, hat mir den Weg eröffnet, die Zweifel waren weg. Wenn man wie ich mehr als sein halbes Leben im Leistungssport verbracht hat und komplett dafür brennt, dann ist es sehr schwierig, davon loszukommen. Der Sport hat mir so viel gegeben, nun sehe ich es als Teil meiner Rolle als Trainerin, davon etwas zurückzugeben. Das ist mein wichtigster Beweggrund.


Welche Lizenzen hast du wo erworben und wieviel Zeit hat das in Anspruch genommen?
Im Rahmen meiner Ausbildung bei der Bundeswehr konnte ich eine erste Lizenz erwerben, die den Status einer B-Lizenz hat. Meine A-Lizenz habe ich darauf aufbauend bei German Cycling gemacht, in einer Mischung aus Präsenz und digitalen Inhalten. Die A-Lizenz war für mich dann die Grundlage, um mein Studium an der Trainerakademie in Köln aufzunehmen, wo ich gerade im zweiten Jahr mittendrin bin. Das Studium findet in Modulen statt mit einer Präsenzpflicht von vier Tagen im Monat. Im zweiten Jahr kann ich mir die Inhalte noch etwas flexibler zusammenstellen, was als Mutter zweier kleiner Kinder sehr wichtig für mich ist.


Welche Inhalte der Ausbildung waren für dich neu, welche besonders überraschend?
Neu war für mich das Feld der Bewegungslehre, vieles davon kannte ich aus dem Radsport noch nicht, vor allem nicht in der Detailtiefe. Das hat mir an einigen Stellen die Augen geöffnet. Überraschend fand ich das Fach Trainerphilosophie, in dem erfahrene, erfolgreiche Trainer aus ihrer Praxis berichten. Das ist extrem interessant und sehr hilfreich für das Ausbilden einer eigenen Philosophie. Der größte Benefit neben der Wissensvermittlung ist aber der Austausch mit anderen Trainerinnen und Trainern, der die Ausbildung so besonders macht. Gemeinsam mit Menschen aus anderen Sportarten über den Tellerrand zu schauen, sich zu hinterfragen und andere Sichtweisen kennenzulernen, das ist etwas, wovon ich enorm profitiere.


Gab es Dinge, die du vermisst hast?
Es liegt noch so viel Ausbildung vor mir, dass ich das nicht abschließend beurteilen kann. Bislang fehlt mir allerdings nichts, das Studium ist sehr erfüllend.


Warum ist es aus deiner Sicht wichtig, dass sich ehemalige Leistungssportler*innen im Trainerberuf engagieren?
Weil wir mitten aus dem Sport kommen und so viele Erfahrungen gesammelt haben, die weitergegeben werden sollten. Wenn ich es auf den Radsport herunterbreche, dann kann ich sagen, dass man über Datenanalyse sehr viel erreichen und vorbereiten kann. Aber die Erfahrung, wie sich ein Straßenrennen wirklich anfühlt und in was für Rennsituationen man geraten kann, und das Verständnis für die Gedanken und Ängste, die Sportlerinnen und Sportler manchmal umtreiben, kann man nicht erlernen. Deshalb ist es aus meiner Sicht extrem wichtig, dass wir uns in diesem Bereich einbringen.


Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Eigenschaften, die eine gute Trainerin haben muss?
Am wichtigsten ist es, ein offenes Ohr für das gesamte Team und die Athletinnen und Athleten zu haben. Ihnen zuzuhören, ihre Ansichten einzubinden und gemeinsam zu Entscheidungen zu kommen, das ist für mich gute Führung. Überhaupt Entscheidungen zu treffen und dazu auch zu stehen, ist ebenfalls wichtig.


Welche dieser Eigenschaften bringt man wegen seines Talents schon mit, wie viele kann man sich antrainieren?
In vielen Bereichen kann man über Training und wissenschaftliche Begleitung sehr viel erreichen. Aber dennoch sind die eigenen Erfahrungen, die man in der aktiven Karriere gemacht hat, unerlässlich. Und natürlich gibt es auch gewisse Talente, die man angesichts seines Charakters für die Trainingsarbeit mitbringen kann. Das Allermeiste allerdings kann man sich antrainieren.

Was hast du aus deiner aktiven Karriere für den nächsten Schritt im Trainerbereich mitgenommen?
Dass harte Arbeit sich immer auszahlt, aber viele Dinge Zeit brauchen, um zu reifen. Man kann nicht mal eben in dieser Woche lernen, ein schnelles Zeitfahren zu machen, und in der nächsten Woche dann eine gute Bergfahrerin werden. Das sind Prozesse, für die es Geduld und Beharrlichkeit braucht. Das versuche ich auch anderen mitzugeben. Jeder Mensch ist für sich selbst, sein Tun und seine Entwicklung verantwortlich. Ich kann als Trainerin Hilfestellung geben, aber es muss bei jedem im Kopf irgendwann klicken, dass man selber anpacken muss. Im Sport sind manche schnell dabei, die Schuld bei anderen zu suchen. Ich versuche, meinen Trainingsgruppen beizubringen, dass sie ganz viele Dinge selbst in die Hand nehmen müssen. Sie müssen verstehen, dass sie nichts für mich machen, sondern in erster Linie für sich und ihr Team.


Welche Trainerinnen oder Trainer waren für dich Vorbilder, was hast du von diesen gelernt?
Mein letzter Trainer Daniel Healey war sehr genau in der Datenanalyse. Von ihm habe ich gelernt, einen langfristigen Plan zu machen, diesen beharrlich zu verfolgen und auf ein Ziel hinzuarbeiten. Von unserem Bundestrainer André Korff, der jetzt mein Kollege ist, versuche ich mir abzuschauen, möglichst viel Ruhe auszustrahlen. Er hat mir immer das Gefühl gegeben, alles unter Kontrolle zu haben, weil er für alles eine Lösung parat hat. Ich glaube, dass das Sportlerinnen und Sportlern sehr hilft.


Du bist Mutter zweier Kinder, das eine fast drei Jahre alt, das andere erst vier Monate. Es heißt oft, der Trainerberuf sei mit einem geregelten Familienleben nicht in Einklang zu bringen. Wie gehst du mit dieser Perspektive um?
Das muss sich noch zeigen, ich weiß natürlich nicht, wie es funktionieren wird. Aber ich habe ein sehr gutes Gefühl, denn momentan läuft es wirklich sehr gut, weil ich im Verband und bei der Bundeswehr enorm viel Unterstützung erfahre. Wir sprechen über alles und versuchen, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Ich treffe überall auf offene Ohren. Ich betreue hauptsächlich die U-23-Teams, die haben nicht so einen supervollen Kalender und sind abseits der Nationalmannschaft auch in ihre Teams eingebunden. Dazu kommt, dass ich von meiner Familie maximale Unterstützung erhalte, ohne die es gar nicht möglich wäre, den Job zu machen. Dafür bin ich sehr dankbar, gleichwohl bin ich mir auch bewusst, dass es längst nicht in allen Sportarten und nicht für alle Trainerinnen und Trainer so gut läuft.


Das Thema der mangelhaften finanziellen und immateriellen Anerkennung für Trainer*innen ist seit Jahren allgegenwärtig. Was wären deine Wünsche für eine Verbesserung des Status Quo?
Als Berufssoldatin habe ich darauf einen etwas anderen Blick, weil ich mir um das Finanzielle nicht so viele Sorgen machen muss. Finanzielle Sicherheit ist bestimmt ein sehr wichtiger Punkt, an dem sich einiges verbessern könnte. Das Wichtigste ist aber für mich, dass der Stellenwert des Trainerberufs anerkannt und deutlich mehr respektiert werden muss. Ich erfahre in Gesprächen mit anderen Trainerinnen und Trainern immer wieder, dass der Beruf für die meisten bedeutet, 24/7 erreichbar zu sein, enorm viel unterwegs zu sein, aber das Gehalt nicht zu dem passt, was dafür geleistet wird.


Welchen Stellenwert hat Leistungssport aus deiner Sicht aktuell in unserer Gesellschaft, und welchen sollte er haben?
Er hat sicherlich nicht den Stellenwert, der ihm gebührt. Alle, die hören, dass ich Olympiasiegerin bin, finden das krass. Aber was die Wertschätzung dafür angeht, hat Deutschland im internationalen Vergleich großen Nachholbedarf, wir sind ein großes Stück weg von dem, was wünschenswert und auch verdient wäre, und sollten diese Lücke dringend schließen.


Ein Hebel, der dabei helfen könnte, ist die Bewerbung des DOSB für Olympische und Paralympische Spiele im Zeitraum 2036 bis 2044. Wie denkst du darüber und was erhoffst du dir davon für den Sport und unsere Gesellschaft?
Ich bin selbstverständlich total dafür! Ich habe mehrmals erleben dürfen, was Olympische Spiele mit Sportlerinnen und Sportlern machen, und das im eigenen Land erleben zu können, wäre für den Stellenwert des Sports sehr bedeutsam. Gerade auch Kinder und Jugendliche können davon stark profitieren, weil sie einen zusätzlichen Anreiz dafür bekommen, sich zu bewegen und Sport zu treiben. Das wäre ein sehr wichtiger Beitrag dazu, unsere Gemeinschaft zu stärken und Spitzensport wieder viel tiefer in der Gesellschaft zu verankern. Deshalb hoffe ich sehr, dass die Bewerbung erfolgreich sein wird.


Vielen Dank für das Gespräch und weiter viel Erfolg im Studium und im Trainerberuf!