Mit acht Jahren fährt Liane Lippert bei einem kleinen Mountainbike-Rennen ihres Heimatvereins mit – einfach aus Spaß. Heute ist sie Profi und startet für Deutschland bei der Straßen-WM in Montréal. Im Interview erzählt sie, warum ihr der Verein weit mehr als sportliche Entwicklung mitgegeben hat, weshalb Kinder sich im Radsport nicht zu früh unter Druck setzen sollt

Liane, heute fährst du bei den größten Rennen der Welt. Erinnerst du dich noch daran, wann aus einfachem Radfahren bei dir echte Begeisterung für den Radsport wurde?
Mein Vater ist schon immer hobbymäßig Rad gefahren, deshalb habe ich das von klein auf mitbekommen. Bei uns lief auch immer die Tour de France. Als ich acht Jahre alt war, hat er mich dann zu einem kleinen Mountainbike-Rennen meines Heimatvereins, dem RSV Seerose Friedrichshafen, mitgenommen. Dort fehlten noch Starter – vor allem Starterinnen – und so bin ich einfach aus Spaß mitgefahren.
Irgendwann wurde ich dann aufs Rennrad gesetzt und von da an habe ich eigentlich nie mehr aufgehört. Es hat mir einfach Spaß gemacht und ich wollte jeden Tag mehr fahren. Das Ganze war völlig ohne Druck. Mein Vater kannte sich damals selbst noch nicht mit Rennen und allem Drumherum aus. Wir sind gemeinsam hineingewachsen und haben von Jahr zu Jahr dazugelernt. Und irgendwann bin ich dann tatsächlich ganz oben angekommen.
Du bist schon als Kind zum RSV Seerose Friedrichshafen gekommen. Welche Erinnerungen verbindest du mit deinen ersten Jahren im Verein – und was hat dir diese Zeit gegeben, das über das Radfahren hinausging?
Der Verein hat mir auf jeden Fall sehr viel gegeben. Ich glaube generell, dass Sport für die Entwicklung eines Kindes sehr wertvoll ist. Man lernt zum Beispiel Teamgeist – sich auch mal an andere anzupassen, aufeinander zu warten und sich gegenseitig zu helfen.
Gerade auch während der Pubertät war der Sport für mich sehr wichtig. Er hat mir immer viel gegeben und vor allem immer Spaß gemacht. Ich habe nie ernsthaft daran gedacht aufzuhören, auch wenn im Verein natürlich immer wieder andere Kinder kamen und gingen.
Ich bin deshalb sehr froh und auch ein bisschen stolz darauf, dass ich dabeigeblieben bin. Der Verein hat mich dabei sehr unterstützt. Wir hatten unsere Trainingsgruppe und viele gemeinsame Ausfahrten – nicht nur mit den Jüngeren, sondern auch mit Eltern, meinem Vater oder seinen Freunden. Sie haben mir das Radfahren eigentlich beigebracht.

Von deinem ersten Mountainbike-Rennen wird erzählt, dass du noch mit einem normalen Fahrrad gestartet bist, Letzte wurdest – und trotzdem vor allem Spaß hattest. Was ist dir von diesem Tag in Erinnerung geblieben?
Es war tatsächlich eher ein normales Fahrrad und kein richtiges Mountainbike mit Federung oder Ähnlichem. Es waren damals auch gar nicht so viele Kinder am Start, hauptsächlich Jungs. Ich war, glaube ich, das einzige Mädchen – und damit natürlich auch das erste Mädchen.
Deshalb durfte ich am Ende sogar aufs Podium, worüber ich mich natürlich sehr gefreut habe. Vor allem habe ich aber in Erinnerung, wie nett die Leute waren. Viele haben zu mir gesagt: „Fahr doch mal Rennrad.“ Ich habe mich einfach sehr wohlgefühlt – und so bin ich eigentlich in diese ganze Radsport-Community hineingekommen.
Nicht jedes Kind, das heute in einen Radsportverein kommt, wird später Profi – und das muss auch gar nicht das Ziel sein. Was kann der Radsport Kindern aus deiner Erfahrung trotzdem fürs Leben mitgeben?
Das muss natürlich wirklich nicht bei jedem Kind so sein. Ich würde der nächsten Generation vor allem mitgeben, die Zeit zu genießen und sich gerade in jungen Jahren nicht zu viel Druck zu machen. Hart genug wird es, wenn man später tatsächlich Profi ist.
Es reicht völlig, erst später professioneller an die Sache heranzugehen. Gerade in jungen Jahren sollte man den Radsport einfach genießen. Wenn man mal keine Lust hat, aufs Rad zu gehen, kann man sich auch einen Tag freinehmen. So habe ich es selbst auch gemacht.
Und man sollte trotzdem noch sein Leben leben und nicht die ganze Jugend dem Sport opfern. Heute ist das natürlich schwieriger, weil der Nachwuchssport schon viel professioneller ist als zu meiner Zeit.
Du hast einmal darüber gesprochen, dass dir als junges Mädchen weibliche Vorbilder im Radsport gefehlt haben. Heute bist du selbst eines. Ist dir bewusst, dass vielleicht ein Mädchen wegen dir ein Rennen schaut und anschließend selbst aufs Rad steigen möchte – und was bedeutet dir das?
Damals wurde Frauenradsport natürlich noch lange nicht so übertragen wie heute. Die Tour de France der Männer lief bei uns zu Hause, aber vom Frauenradsport habe ich als Kind eigentlich kaum etwas mitbekommen. Heute weiß ich natürlich, welche Fahrerinnen damals schon erfolgreich waren – aber sichtbar waren sie für mich kaum.
Deshalb hoffe ich immer, dass ich heute junge Mädchen inspirieren und motivieren und vielleicht auch ein Vorbild für sie sein kann. Und ich versuche, das so gut ich kann, auch in meinem Heimatverein weiterzugeben. Zum Beispiel gebe ich immer wieder Trikots weiter, weil ich noch weiß, wie sehr mich so etwas früher selbst motiviert hat – neue Sachen oder sogar Kleidung von Profis zu bekommen. So versuche ich, das Bestmögliche für die Jugend zu tun.
In derselben Woche, in der bei der KidsWeek Kinder in ganz Deutschland aufs Rad gebracht werden sollen, findet die Straßen-WM in Montréal statt. Was würdest du einem Kind sagen, das die Rennen sieht und danach selbst unbedingt aufs Rad steigen möchte?
Ich würde ihm sagen: Genieße es erst einmal. Mach dir nicht zu viel Druck und bleib weiterhin einfach Kind. Wenn du Spaß am Radfahren hast, dann bleib dran – aber vor allem so lange, wie es dir wirklich Freude macht.