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October 19, 2026

Pauline Grabosch: "Jedes Regenbogentrikot hat seine eigene Geschichte"

Der Jubel fand keine Grenzen und bei der Siegerehrung konnte Pauline Grabosch ihre Freudentränen nicht zurückhalten. Fünfmal war sie schon Weltmeisterin im Teamsprint, nun konnte sie am vergangenen Wochenende in Shanghai (China) zum ersten Mal einen Weltmeistertitel in einer Einzeldisziplin feiern. Im 1000-Meter-Zeitfahren war dieses Mal keine schneller als die 28-Jährige. Von Mareike Engelbrecht

©German Cycling

"Der WM-Titel bedeutet mir alles. Ich bin so dankbar, das war ein so wunderbarer Moment. Ich habe jede einzelne Sekunde auf dem Podium wirklich genossen und diesen Moment mit all den Menschen vor dem Podium und vor den Fernsehern geteilt. Jeder möchte einmal das Regenbogentrikot tragen, und ich darf dieses wunderschöne Trikot jetzt bis zum nächsten Jahr behalten – das bedeutet mir unglaublich viel", beschrieb Grabosch ihre Emotionen. "Ein riesen Dankeschön geht an alle um mich herum - das ist nicht für mich, sondern für jeden, der diesen Weg mit unterstützt hat."

Vor zehn Jahren startete Grabosch erstmals bei einer internationalen Meisterschaft in der Elite-Klasse, nachdem sie als Juniorin schon zu Weltmeisterehren gefahren war. Bei den Europameisterschaften 2016 in Paris war sie 18 Jahre alt und gerade der U19-Klasse entwachsen. Dort zeigte sie schon ihr Potential und holte Silber im 500-Meter-Zeitfahren - in der Elite-Klasse, wohlbemerkt. Ein Jahr später wurde sie U23-Europameisterin in der Disziplin. Das war seitdem ihr letzter Titel in einer Einzeldisziplin. Das 500-Meter-Zeitfahren gibt es seit vergangenem Jahr nicht mehr, die Distanz wurde an die der Männer angepasst, sodass die Frauen nun auch 1000 Meter absolvieren.

In den darauffolgenden Jahren entwickelte sie sich zu einer stets zuverlässigen Partnerin im Teamsprint. Sie brachte ihre Teamkolleginnen als Anfahrerin auf Schwung. 2018 wurde sie erstmals Teamsprint-Weltmeisterin mit Kristina Vogel und Miriam Welte, von 2020 bis 2023 war sie mit Lea Sophie Friedrich und Emma Hinze bei Weltmeisterschaften nicht zu schlagen; hinzukamen EM-Titel und -Medaillen sowie Bronze bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Aufgrund der Baby-Pause von Emma Hinze wurde das Trio umgestellt. "Wir haben festgestellt, dass Pauline auf der drei wirklich richtig stark ist und wir so die schnellsten Zeiten erzielen konnten", erklärte Bundestrainer Jan van Eijden im Vorfeld der diesjährigen WM. Pauline Grabosch ist nun nicht mehr Anfahrerin, sondern die Schlussfrau. Zum Auftakt der WM sicherte sie so dem Team, zu dem nun neben Friedrich auch die junge Clara Schneider gehört, die Bronzemedaille. "Pauline war als Schlussfahrerin wieder saustark. Sie hat im Finale sogar die schnellste Zeit auf ihrer Position gefahren", freute sich auch Van Eijden. Und die gebürtige Magdeburgerin selbst sagte rückblickend: "Ich war schon glücklich, dass ich hier mit den Mädels um eine Medaille gefahren bin, was auch keine Selbstverständlichkeit ist!"

Und mit ihrer neuen Rolle weckte Pauline Grabosch offenbar auch wieder ihr Potential über die lange Distanz. "Ich wollte der Welt einfach zeigen, dass ich mehr kann als nur eine einzige Runde zu fahren. Früher war ich die Anfahrerin, jetzt fahre ich im Teamsprint auf Position drei - und ich glaube, kaum jemand hätte erwartet, dass ich Weltmeisterin über die 1000 Meter werden würde. Es ist einfach unbeschreiblich", sagte Grabosch und gab zu: "Mit einem Titel habe ich nicht gerechnet, umso schöner ist es, diesen Moment geschenkt bekommen zu haben."

Schon in der Qualifikation fuhr die 28-Jährige deutliche Bestzeit, lag fast acht Zehntelsekunden vor der Konkurrenz. Und das bestätigte sie im Finale. Grabosch hatte dort zwar nicht die schnellsten Rundenzeiten - aber sie fuhr konstant und war auch hinten raus noch schnell unterwegs, schneller als alle anderen. "Normalerweise kämpft man während dieser vier Runden gegen seine inneren Dämonen", beschreibt die 28-Jährige die Härte des 1000-Meter-Zeitfahrens, in dem die Sportlerinnen und Sportler sich voll auf die Distanz konzentrieren, voll in die Pedale treten und einfach alles geben. "Ich habe gehört, dass ich eine Dreiviertelrunde vor Schluss auf dem dritten Platz lag - und mit meiner Vorgeschichte, dass ich im Zeitfahren Vierte geworden war, da dachte ich mir nur: Ich will nicht wieder Vierte werden!" Und sie schaffte es tatsächlich noch, das Blatt zu wenden, war entschlossen, holte alles aus sich heraus und verwies mit einer Fahrzeit von 1:04,572 Minuten die Niederländerin Hetty van de Wouw (1:05,223) um mehr als sechs Zehntelsekunden wieder klar auf Platz zwei.

Und auch wenn dieses Regenbogentrikot ein besonderes ist, will die sympathische Rennfahrerin die anderen fünf, die sie im Teamsprint gewonnen hat, nicht missen: "Jedes Trikot hat seine eigene Geschichte und ich würde dieses ungern mit den anderen fünf im Teamsprint vergleichen. Ich liebe den Teamsprint und ich mag es auch, das Podium mit den Mädels zu teilen. Aber heute war auch ein besonderer Moment, weil ich wirklich nicht einmal ansatzweise damit gerechnet habe, dieses Trikot mit nach Hause bringen zu können." Und diese Geschichte wird Pauline Grabosch in den kommenden Jahren sicherlich noch weiterschreiben.